Rationalisierung und Konzepte

Wenn das Ich damit erfolgreich war, über sein eigenes Verhalten auf das Verhalten der Welt Einfluss zu nehmen, dann versucht es zu ermitteln, was genau die Komponenten dieses Erfolgs waren. Es versucht das Geschehene "zu rationalisieren", was bedeutet, das Geschehene über Ideen zu beschreiben. "Rationalisierung" ist eine wichtige Funktion der menschlichen Psyche, genauer gesagt eine Funktion des Verstandes. Rationalisierung ist - ganz allgemein gesprochen - die Abbildung der Realität durch Ideen im menschlichen Verstand.

Der Verstand ist die rationale Komponente der Psyche. Ich spreche auch von "rationaler Ebene". Zur rationalen Ebene gehören: Verstand, Ideen, Schlussfolgerungen, Sprache, Konzepte und Modelle. Im Rahmen der wissenschaftlichen Weltsicht kam es zu einer extremen Überbetonung des rationalen Teils der Psyche, der sich aber schon lange vorher, seit dem "Sündenfall", verselbstständigt hatte. Ich bezeichne das als "rationale Isolation".

Der Sinn der Rationalisierung ist es, eine einmal erfolgreiche Strategie in der Zukunft wieder anwenden zu können. Der Verstand schafft und sammelt sozusagen "geistige Werkzeuge". Diese geistigen Werkzeuge kann man auch als "Konzepte" bezeichnen. Konzepte sind Ideen, die speziell dem Zweck dienen, Problem-lösende Verhaltensmuster abzubilden und wiederholbar zu machen.

Ein Konzept lässt sich auf sehr abstrakter Ebene so darstellen:

Situation x => Verhalten y

"In einer spezifischen Situation x ist Verhalten y erfolgreich."

Eine "Idee" ist ganz allgemein eine Verknüpfung von wahrgenommenen Elementen der Realität und ein "Konzept" ist eine spezifische Idee, welche Situationen mit Verhalten in Beziehung setzt. In einer Weltsicht gibt es zum Beispiel Ideen, welche erklären, wie die Welt (angeblich) funktioniert (theoretischer Überbau). Und dann gibt es die Konzepte, welche dieses Wissen in die konkrete Anwendung überführen, indem sie es in Verhalten "übersetzen".

Der Prozess der Entstehung und Anwendung von Konzepten läuft folgendermaßen ab:

  1. Es gibt ein initiales Erfolgserlebnis.
  2. Rationalisierung: Sowohl die Ausgangssituation als auch das Verhalten, welches erfolgreich war, werden in ihren wesentlichen Merkmalen erfasst und verknüpft. Es entsteht ein Konzept.
  3. Es kommt zur Übertragung und Anwendung des Konzeptes auf Folgesituationen.

Fehler können sowohl bei der Rationalisierung (Schritt 2) als auch bei der Übertragung und Anwendung (Schritt 3) passieren.

Damit Schritt 3 - die Übertragung auf andere Situationen - funktioniert, bedarf es einer weiteren Funktion des Verstandes: der Differenzierung.

Differenzierung ist die Fähigkeit, Situationen und Elemente der Realität so zu unterteilen, dass

Wird zu viel unterteilt, dann brauchen wir massenhaft Konzepte und alles wird sehr komplex.

Wird zu wenig unterteilt, dann werden Konzepte auf Situationen angewandt, für die sie nicht funktionieren. Das bedeutet, es werden Situationen und Elemente der Realität NICHT unterschieden und deshalb gleichbehandelt, die eigentlich ein unterschiedliches Handling UNBEDINGT erfordern würden. Das wäre an sich kein Problem, da das Ich ja an der Wirkung merken sollte, dass es nicht funktioniert hat. Es gibt allerdings auf dem gegenwärtigen Stand der menschlichen Entwicklung das bereits erwähnte Phänomen, dass das Ich lieber an einem nicht funktionierenden Konzept festhält und sich stattdessen über die Wirkung Illusionen macht. Das hat damit zu tun, dass es in einer konkreten Situation einfacher erscheint, an der Illusion einer Lösung festzuhalten, als sich damit zu konfrontieren, keine Lösung zu haben.

Ich bezeichne den Vorgang, wenn Konzepte auf Situationen angewandt werden, für die sie nicht funktionieren, als "unzulässige Verallgemeinerung". Für die wissenschaftliche Weltsicht ist genau das im großen Stil geschehen. Deshalb ist die Menschheit mit all den Krisen und Problemen konfrontiert.

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