Musizieren

Wenn man sich Naturvölker anschaut, die wenig von der hochentwickelten Zivilisation beeinflusst sind, dann fällt auf, dass es ein wesentlicher Teil ihrer Kultur ist, gemeinsam zu singen, zu tanzen und zu musizieren (letzteres häufig in Form von Trommeln). Tatsächlich kann man sich die Entwicklung der Musik bis in unsere Zeit vorstellen als einen Prozess mit folgenden Stufen:

  1. Musizieren aus Freude an der Ausführung: Die Entwicklung des Musizierens als gemeinsame Betätigung, in die nahezu alle Mitglieder der Kultur einbezogen sind. Das Musizieren folgt zunächst nur der gemeinsamen Freude an der Ausübung.
  2. Aufführung: Einzelne Mitglieder der Kultur stechen in ihrem Können heraus und es entwickelt sich zunehmend das Vorführen von Musik: die Talentierten führen vor und die anderen schauen zu und applaudieren.
  3. Konservierung: Schließlich mit der technischen Entwicklung kommt es zur Aufnahme von Musik, die später ohne Zutun der Künstler vielfach abgespielt werden kann ("Musik-Konserve"). Die Vorführung kann ohne Beteiligung der Künstler vielfach reproduziert werden.
  4. Automatisierung: Musik-Automatisierung: Komplexe Musikfiguren werden zunehmend von Maschinen, sogenannten Sequenzern ausgeführt. Es sind keine Musiker mehr dafür nötig. Musik lässt sich zunehmend ohne den Vorgang des Musizierens erzeugen.
  5. Musik-Produktion: Musik kann vollkommen ohne den eigentlichen Vorgang des Musizierens erzeugt werden. Dabei sind Sounds und musikalische Figuren möglich, die durch einfaches Musizieren nicht so ohne weiteres erreichbar sind. Zahlreiche Werkzeuge ermöglichen die totale Perfektionierung der Musik weit über die Qualität hinaus, die durch einfaches Musizieren erreichbar wäre.

Scheinbar ist das ein Fortschritt:

Das alles scheint eine logische Folge des technischen Fortschritts der Menschheit.

ABER: Das an der Musik eigentlich Wesentliche ist der Mensch im Begriff zu verlieren: das direkte selbst Musizieren.

Das Musizieren ist der eigentliche Sinn der Musik. Es handelt sich um einen der für die menschliche Psyche wertvollsten, heilsamsten und erfüllendsten Vorgänge, der für den Menschen überhaupt erreichbar ist. Aber er wird durch die scheinbar fortgeschrittene Entwicklung zunehmend ausgemerzt:

Musikproduktion verdrängt das Musizieren an sich.

Dabei ist es sowieso schon lange ein Irrtum, dass Musizieren nur etwas für einige wenige musikalisch talentierte Menschen sei.

Wenn ich vom Musizieren spreche, dann meine ich das direkte Hervorbringen von Musik mit Hilfe des eigenen Körpers in Form von Singen, Trommeln oder mit Hilfe eines Instrumentes. Es ist ein Zusammenspiel von

Es sind der menschlichen Psyche durch das Musizieren eine Reihe verschiedener psychischer Zustände erreichbar, die nur auf diesem Wege erreichbar sind. Es handelt sich um psychische Zustände von Einheit, Harmonie, Glück, Kreativität und Gleichschwingung mit anderen. Diese psychischen Zustände fügen der menschlichen Existenz eine ganze Dimension an Glück und Erfüllung hinzu, die dem gegenwärtigen Menschen aber bereits nahezu vollständig verloren gegangen ist. Musizieren ist darüber hinaus auch eine Form direkter emotionaler Kommunikation bzw. persönlicher Ausdrucksfähigkeit. Es gibt keinen anderen Vorgang, der diese Ausdrucksmöglichkeit des menschlichen Wesens ersetzen kann.

Die Freude am Hören produzierter Musik ist lediglich ein winziger Rest eines müden Abklatschs dessen, was das Musizieren dem Menschen einst gab.

Die Verdrängung des Musizierens durch die Musikproduktion ist ein Beispiel, wie der Mensch im Zustand der rationalen Isolation nach und nach alles verliert, was dem menschlichen Leben einst Dimensionen wirklicher Bedeutung gab.

Mancher wird an dieser Stelle einwenden, Automatisierung und Produktion wären nun mal der Fortschritt der Menschheit. Und das stimmt in anderen Bereichen auch. Im Bereich der Musik bedeutet es aber Rückschritt und Verlust. Es ist eben nicht alles sinnvoll, was technisch möglich ist und es gibt für alles ein "richtiges Maß" - auch für Produktion und Automatisierung.

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