Der Dorian-Gray-Effekt

Die wissenschaftliche Weltsicht hat in den letzten Jahren in eine Situation geführt, die den Menschen sehr drastisch von seiner inneren Wahrnehmung abschneidet. Ich beziehe mich jetzt nicht auf die bereits angesprochene Abwertung der inneren Wahrnehmung als unwissenschaftlich und irrelevant, sondern noch auf eine andere Fehlentwicklung. Um das zu verdeutlichen, möchte ich zunächst auf das Wechselspiel von innerer und äußerer Wahrnehmung etwas detaillierter eingehen und ein weiteres wichtiges Element der menschlichen Psyche einführen: die Aufmerksamkeit!

Die Aufmerksamkeit ist einer der Faktoren, der die menschliche Wahrnehmung lenkt. Die Aufmerksamkeit ist wie ein Scheinwerfer, den der Mensch aktiv auf etwas ausrichten kann: Was in den Bereich der Aufmerksamkeit gelangt, wird wahrgenommen. Die Aufmerksamkeit kann sich sowohl nach innen als auch nach außen richten und bestimmt damit die Betonung von innerer oder äußerer Wahrnehmung in einem bestimmten Moment. Die Aufmerksamkeit unterliegt nicht immer ganz unserer freiwilligen Kontrolle: Sie kann von etwas gefesselt sein und es gibt Alarmfunktionen sowohl in der inneren als auch der äußeren Wahrnehmung, welche die Aufmerksamkeit beanspruchen können.

Wenn die Aufmerksamkeit sehr stark nach außen fixiert ist, tritt die innere Wahrnehmung in den Hintergrund. Die meisten Menschen befinden sich in einem Zustand äußerer Dauerfixierung, bei dem die innere Wahrnehmung keine besonders große Rolle spielt.

Wenn die innere Wahrnehmung nicht aktiv gesucht wird, dann versucht sie sich von Zeit zu Zeit "aufzudrängen" - sie hat ja eine Reihe äußerst wichtiger Informationen mitzuteilen. Das geschieht vor allem in den ruhigen Momenten ohne äußere Aktivität:

Nun ist es so:

Wenn ein Mensch im Einklang mit seiner inneren Wahrnehmung lebt, dann vermittelt die innere Wahrnehmung ein Gefühl heiterer Gelöstheit. Dieser Fall tritt aber im Rahmen der wissenschaftlichen Weltsicht so gut wie niemals auf, weil die innere Wahrnehmung keine ausreichende Beachtung findet. Das wiederum bedeutet, dass die Informationen der inneren Wahrnehmung nicht verarbeitet werden und in Entscheidungen zur Lebensführung nicht einfließen. Das Leben des Menschen entfernt sich dadurch immer weiter von dem, was man als "ideale Lebenslinie" bezeichnen könnte. Die innere Wahrnehmung gibt aber nicht so leicht auf und versucht nun zunehmend, sich aufzudrängen und sich bemerkbar zu machen. Da sie einen Zustand negativer Abweichung vermitteln möchte, tut sie das mit ziemlich unangenehmen Empfindungen. So wie ein körperlicher Schmerz eine Abweichung des Körpers vom Zustand vollständiger Gesundheit anzeigt, so zeigt eine negative innere Wahrnehmung Fehlentscheidungen in der grundsätzlichen Lebensführung an. Je weiter sich ein Mensch mit seinem Leben von seiner "idealen Lebenslinie" entfernt, um so unangenehmer empfindet er seine innere Wahrnehmung.

Daraus entwickelt sich ein Teufelskreis:

Je unangenehmer die innere Wahrnehmung empfunden wird, um so mehr versucht man ihr zu entfliehen. Um so mehr man der inneren Wahrnehmung entflieht, um so weniger löst man seine Probleme und um so mehr flüchtet man sich in faule Kompromisse. Das wiederum lässt die innere Wahrnehmung noch unangenehmer werden und das ganze Spiel beginnt von vorn.

Dies ist schon immer so. Jedoch rückten die Rituale der Religion die innere Wahrnehmung immer wieder in den Fokus. Das ist mit der wissenschaftlichen Weltsicht weggefallen. Aber auch das ist noch nicht das eigentliche Problem.

Das eigentlich dramatische Problem sind Smartphones. Smartphones ziehen jede Sekunde irgendwie freiwerdender Aufmerksamkeit sofort in ihren Bann. Smartphones sind ein super-effektives Werkzeug, um die unangenehme innere Wahrnehmung so komplett wie nur möglich auszuschalten. Normalerweise würden in einem Leben ohne Smartphone immer wieder "leere Momente" entstehen, in denen die Aufmerksamkeit "automatisch" nach innen pendelt. Aber seit die Menschen Smartphones haben, können sie in einem solchen Moment ihre Aufmerksamkeit mit Hilfe des Smartphones sofort wieder nach außen zurückholen.

Smartphones schaffen Pseudo-Bedeutung, Pseudo-Wichtigkeit, Pseudo-Vergnügen und Pseudo-Fortschritt. Smartphones sind die wirksamste Waffe gegen die Lösung von Problemen, die der Mensch je entwickelt hat. Sie ermöglichen es dem Menschen immer perfekter, an seiner inneren Wahrnehmung komplett vorbeizuleben. Smartphones sind der ultimative Schlüssel zur totalen Verblödung, indem sie Fortschritt, Entwicklung, Vergnügen und soziale Kontakte vorgaukeln, die gar nicht vorhanden sind. Sie sind das effektivste Illusionswerkzeug, das der Mensch je geschaffen hat. Sie fragmentieren (zerstückeln) die Aufmerksamkeit und isolieren sie komplett von der inneren Wahrnehmung. Dadurch werden zahlreiche innerpsychische Prozesse, die für eine gesunde Entwicklung im Gleichgewicht notwendig wären, blockiert.

Und dadurch entsteht der "Dorian-Gray-Effekt": Während äußerlich immer mehr auf Party, Pseudo-Erfolg und Pseudo-Wichtigkeit gemacht wird, entwickelt sich das ungefilterte Innere der Psyche immer mehr zur absoluten Hölle. Es wird immer unmöglicher, sich den ruhigen Momenten des eigenen Lebens zu stellen und aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Psychiater werden das Problem natürlich mit Medikamenten angehen, aber so funktioniert die Lösung leider nicht.

Für eine gesunde Entwicklung der Psyche und ein wirklich erfülltes Leben müssen Aufmerksamkeit und Wahrnehmung von Zeit zu Zeit vollkommen frei schwingen können. Man kann solche Momente auch als "Muße" bezeichnen. Sie kommen zustande, wenn man sich und seiner Psyche Momente ohne äußere Fixierung und Aktivität einräumt. Das bedeutet vor allem auch ohne Smartphone. Die Aufmerksamkeit und mit ihr die Wahrnehmung pendeln dann dahin, wo es nötig ist. Wichtige psychische Verarbeitungsprozesse kommen in Gang. Wenn sich das unangenehm anfühlt, ist es um so wichtiger.

Das ist im Übrigen auch richtig verstandene Meditation: Der Psyche einfach ruhige Momente ohne äußere Aktivität und Fixierung einräumen und die Aufmerksamkeit einfach mal freilassen. Viele Menschen glauben, bei Meditation ginge es um Gedankenkontrolle oder Gedankenstille. Beides wäre eine falsch verstandene Meditation. Es geht einfach nur um eine Gelegenheit, hochkommen zu lassen, was auch immer hochkommen will. Gedankenstille stellt sich ein, wenn die Probleme tatsächlich gelöst sind. Das Gedankenkarussell - die kreisenden Gedanken - sind ein Phänomen ungelöster Probleme: Der Verstand versucht Probleme auf allein rationalem Weg zu lösen, die allein rational nicht lösbar sind.

Um die innere Wahrnehmung sinnvoll nutzen zu können, muss man seine innere Landschaft und ihre Elemente zunächst einmal kennenlernen. Man muss den Mut haben, sie zu ertragen, auch wenn sich das am Anfang dieses Prozesses sehr unangenehm anfühlen kann. Die Aufmerksamkeit muss sich schrittweise dahin entwickeln, die innere Landschaft in ihre Bewegungen wie selbstverständlich mit einzubeziehen. Es schlummern dort Fähigkeiten und Potentiale, die die meisten Menschen nur aus Fantasy-Geschichten kennen und dennoch sind sie aber vollkommen real. ("Die Märchen und Mythen - sie sind alle wahr!")

Ich werde im nächsten Teil des Buches, langsam darauf hinarbeiten, den praktischen Zugang zum Erkenntnisprozess zu beschreiben. Aber eine dazu ergänzende, äußerst wichtige praktische Konsequenz ergibt sich aus diesem Kapitel:

Momenten ohne äußere Aktivität im Leben zunehmend Platz einräumen. Ob man das Muße, Meditation oder Entspannung nennt, ist völlig egal. Je nachdem, wo ein Mensch in seiner Entwicklung steht, wird das vielleicht am Anfang ungewohnt oder als nicht so leicht umzusetzen erscheinen. Wer das als sehr schwierig empfindet, dem empfehle ich, mit dem Erlernen einer Entspannungstechnik wie autogenem Training zu beginnen. Entspannung ist eigentlich eine grundsätzliche Fähigkeit des Gesamtsystems aus Körper und Psyche, die keine Technik braucht. Aber viele Menschen befinden sich in einem derartigen Zustand der Daueranspannung, dass eine Technik beim Erlernen von Entspannung helfen kann.

Eine weitere praktische Empfehlung ist, längere Phasen des Alltags ohne Smartphone zu verbringen. Dazu gehört auch, ohne Handy, Zeitung, Radio, Tablet oder Buch zu essen, auch wenn man dabei keine Gesellschaft hat.

Diese praktischen Empfehlungen allein können bereits zu positiven Veränderungen in einem Leben führen. Vor allem aber schaffen sie die Grundvoraussetzungen für den Einstieg in den Erkenntnisprozess.

nächstes Kapitel: Probleme lösen II (Erkenntnisprozess)
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