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Angst und die Grenzen der Realität

Ich hatte in einem früheren Kapitel über die Erkenntnisse aus dem Erkenntnisprozess folgendes behauptet:

"Die negativen Zukunftsprojektionen stellen sich als falsch heraus"

Das hat losgelöst vom Erkenntnisprozess so pauschal natürlich keine Allgemeingültigkeit. Es gilt in dieser Form ausschließlich nur bezogen auf den Kontext eines konkret ablaufenden Erkenntnisprozesses, welcher als Reaktion auf ein unlösbares Problem initiiert wird.

Ganz allgemein betrachtet ist die Aufgabe negativer Zukunftsprojektionen, dem "Ich" die Grenzen der Realität anzuzeigen, die es nicht überschreiten sollte, z.B.:

In dieser Funktion haben negative Zukunftsprojektionen eine positive Schutzfunktion. Aber da negative Zukunftsprojektionen auch aus einer Weltsicht erwachsen können, welche die Grenzen der Realität falsch abbildet, können sie eben falsch sein.

Entsprechend den zwei Arten von Problemen, die im Erkenntnisprozess gelöst werden, gibt es auch zwei Arten der Auflösung von negativen Zukunftsprojektionen:

  1. Eine negative Zukunftsprojektion ist komplett falsch und das wird im Erkenntnisprozess erkannt.
  2. Eine negative Zukunftsprojektion bezieht sich auf ein ungelöstes Problem. Wenn die Lösung des Problems erkannt wird, verliert sie ihre Relevanz.

Hier geht es jetzt aber um etwas anderes, aufbauend auf das Thema des letzten Kapitels "Das richtige Maß":

Dieses "eine Zukunftsprojektion stellt sich als falsch heraus" bedeutet in vielen Fällen kein "absolut falsch", sondern eher eine Verschiebung der Grenzen: Die Weltsicht hatte die Grenzen zu eng oder zu weit gezogen und der Erkenntnisprozess verschiebt die Grenze an ihren tatsächlichen Platz zurück.

Die Grenze, welche durch eine negative Zukunftsprojektion angezeigt wird, ist dann nicht absolut falsch, sondern sie ist nur so verschoben, dass sie das Verhalten auf eine übertriebene Weise einengt. An einer anderen Stelle existiert die Grenze aber ganz real und muss auch Beachtung finden.

Die richtige Lokalisierung von Grenzen der Realität ist eine Anwendung der Fähigkeit, mit der inneren Wahrnehmung "das richtige Maß" zu finden. Das bedeutet auch, die richtige Lokalisierung der Grenzen der Realität ist in vielen Fällen auf rein rationalem Wege nicht möglich. Sie ist eine der Hauptaufgaben der inneren Wahrnehmung.

Das führt uns zum Thema "Angst":

Angst ist ein emotionaler Zustand, der im Angesicht einer negativen Zukunftsprojektion eine Verhaltensänderung herbeiführen soll. Anders gesagt soll Angst einen Menschen davon abhalten, die Grenzen der Realität zu seinem Schaden zu überschreiten.

Wenn Angst eine unnötige Verhaltenseinschränkung bewirkt, dann wurde die Grenze durch die Weltsicht zu eng gesteckt.

Da das sehr abstrakt ist, dazu ein Beispiel:

Eltern haben Angst, dass ihrem Kind etwas geschieht. Diese Angst hat einen realen Bezug, aber sie kann übertrieben auftreten. Der reale Bezug ist, dass das Verhalten von Kindern durch die Eltern in einem gewissen Maße eingeschränkt werden muss, weil bei Kindern die eigene Einschätzung ihrer Grenzen noch nicht zuverlässig funktioniert.

Aber wo genau verläuft diese Grenze? Was kann man seinem Kind in welchem Alter erlauben und was muss man als Eltern verhindern?

Das ist genau eine dieser Fragen, die rein rational kaum lösbar sind. Wenn die Angst übertrieben auftritt, dann schränken Eltern das Verhalten ihrer Kinder zu stark ein und blockieren damit die Entwicklung ihrer Kinder. Setzen die Eltern andererseits dem Verhalten ihrer Kinder gar keine oder zu weitgesteckte Grenzen, dann drohen Unfälle und Verletzungen.

Wenn zum Beispiel Eltern ihr 10-jähriges Kind nicht auf Klettergerüste lassen, weil sie Angst haben, es könnte herunterfallen, dann ist es eine übertriebene Angst. Aber wie ist es bei einem 2-jährigen Kind? Und was ist das richtige Alter für welche Form von Klettergerüst?

Dort wo übertriebene Ängste auftreten, scheinen die intuitiven Kriterien für das richtige Maß nicht vorhanden zu sein (Intuition = Komponente der inneren Wahrnehmung).

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Den vollständigen Text finden Sie im Buch
nächstes Kapitel: Die Spielregel (Ursachen)